StartseiteKontaktImpressum
Vortrag Prof. Hermann Häring „Was kann eine Gemeinde tun?”

Professor Hermann Häring geht dieser Frage nach. Er zerpflückt alle Argumente, die Gemeinden als Untereinheit eines abgehobenen hierarchischen Gebildes namens Kirche sehen. Er macht Gemeinden Mut, sich für Gerechtigkeit zu kämpfen und solidarisch mit den Ausgeschlossenen zu sein. Christliche Gemeinden müssen vorläufige Experimentierfelder auf dem Weg zum Reich Gottes sein, sagt der Theologe.

Demokratische Strukturen widersprechen dem christlichen Geist nicht, denn alle ernsthaften Demokratien der Welt werden von Werten getragen und von internen Institutionen (etwa Verfassungsgerichten) kontrolliert. Deshalb müssen kirchliche Organisationen und Ämter von Transparenz, Mitbestimmung und Einspruchsmöglichkeit geprägt sein, so Häring. „Damit brechen wir keine kirchliche Tradition, sondern setzen ältere Traditionen wieder in Kraft.”

Im Weiteren beschreibt er konkret, wie Gemeinden Menschen für besondere Dienste beauftragen können. Er betont: Eine Gemeinde darf nicht wegen Priestermangels aufgelöst werden und ein priesterloser Gottesdient ist kein Gottesdienst zweiter Klasse.


  1. Eine christliche Gemeinde bezieht Sinn und Existenzberechtigung nicht aus sich, sondern aus dem Reich Gottes. Dieses beginnt hier und jetzt nicht als religiöse Institution, sondern im Sinne Jesu und der jüdischen Propheten als Kampf für Gerechtigkeit und als Solidarität mit den Ausgeschlossenen. Christliche Gemeinden sind nur Vor-Orte und vorläufige Experimentierfelder dieser weltweiten universal menschlichen Hoffnung. Ohne diesen weltoffenen Horizont verdienten unsere Gemeinden den Ehrentitel des Christlichen nicht. Sie würden bedeutungslos; aus ihrer Weltverantwortung würden Selbstbefriedigung und Narzissmus (Off 2.4). Denn christliche Gemeinden und Kirchen sind für die Zukunft von Menschheit und Welt nur wichtig, sofern sie in der Erinnerung und gegenwärtigen Nachfolge Jesu stehen. Jesus von Nazaret hat den bedingungslosen Beginn des Gottesreichs gelebt und verkündet; deshalb wird er als wiederkommende Messias verehrt.

  2. Deshalb hat sich eine christliche Gemeinde primär der Frage zu stellen, was Reich Gottes für ihr Handeln heute bedeutet. Sie hat ihren Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, für Versöhnung und die Bewahrung der Schöpfung voranzutreiben und darauf zu achten, dass die sekundären innerkirchlichen Zielsetzungen und Interessen diesen Horizont nicht verfälschen oder verdrängen. Natürlich muss sie versuchen, diese Ziele auch innerhalb der eigenen Grenzen beispielhaft und mit entschiedenem Nachdruck zu verwirklichen. Sonst würde sie sich selbst widersprechen. Reich-Gottes-Arbeit außerhalb und innerkirchlich der Kirche schließen einander nicht aus. Dennoch dürfen die Gemeinden keine sozialen und kulturellen Sonderwelten entwickeln. In jedem Fall gebührt dem solidarischen Handeln nach außen der Vorrang vor theoretischen Fragen nach innerer Einheit und Orthodoxie. Alle spezifisch innerkirchlichen Fragen nach Verhalten, Gestaltung und Struktur sind – in einem absoluten Sinn des Worts – relativ.

  3. Auch 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sind römisch-katholische Gemeinden (und Bistümer) in hohem Maße entmündigt und in vieler Hinsicht sind die Wege zu neuer Mündigkeit schwierig, denn angesichts einer hochdifferenzierten Kirchenstruktur in einer hochdifferenzierten Weltgesellschaft sind viele übergemeindliche, oft international orientierte Aufgaben und Funktionen in ein dichtes Netz umfassender Kompetenzen eingebunden sind. Dennoch ist neu und mit großem Nachdruck an die ursprünglichen und unveräußerlichen Grundkompetenzen einer Gemeinde zu erinnern. Denn vielerorts werden Gemeinden nicht mehr als Subjekte christlicher Lebenspraxis, sondern als Objekte priesterlicher Seelsorge behandelt und zum Opfer einer pastoraler Berechnungen im Fadenkreuz von Priestermangel und finanziellen Sparmaßnahmen.

  4. Dagegen halten wir an einem neutestamentlichen Urdatum fest: Gemeinden als die primäre Gemeinschaft gelebten Christusglaubens tragen in sich die Würde und Qualität der „Kirche“, also der endzeitlichen Heilsgemeinschaft. In ihnen kommen wesentliche, theologisch unverzichtbare Eigenschaften zusammen wie Gemeinschaft und Gleichheit, Freiwilligkeit, Pluralität und ereignishafte Dynamik, die regelmäßige Versammlung mit Wort und Sakrament. Das Konzil spricht von einer „Familie Gottes“, die von einem Geist durchdrungen ist (LG28). Gemeinden, die diese Kriterium erfüllen, können auch aus finanziellen Gründen oder aus Gründen einer Versorgungspastoral nicht zur Disposition gestellt werden. Viele „Großgemeinden“ modernen Stils zerstören Gemeinschaftlichkeit und Begegnung und reduzieren die Zusammenkünfte auf Großveranstaltungen, die auf Sakramentsversorgung reduziert sind.

  5. Für die interne Gestaltung des Gemeindelebens sind drei Gesichtspunkte zu beachten: Integrität, Funktionalität und Subsidiarität.
    • Die Integrität der Gemeinde verlangt, dass keine Grundfunktion der Gemeinde vernachlässigt wird. Traditionell werden sie umschrieben als Gemeinschaft, Zeugnis, Liturgie und Diakonie. Ich schlage vor:

      [1] Geschwisterliche Begegnung:
      Gemeinschaft wird nicht dem individuellen Glauben hinzugefügt. Vielmehr ist individueller Glaube immer in die Gemeinschaft eingebettet. Einer Gemeinde muss deshalb klar sein, dass die Praxis des Glaubens nur im Rahmen vitaler Begegnung und Gemeinschaftserfahrung wachsen kann. Gemeinschafspraxis bedeutet zudem Schulung für eine verantwortliche Teilnahme an der Gesellschaft. Test dieses Gemeinschaftscharakters sind die vorbehaltlose Gleichstellung von Mann und Frau, das das volle Vertrauen in Jugendliche und Heranwachsende, der kindgemäße Umgang mit Kindern.

      [2] Authentische Spiritualität:
      Spiritualität meint hier den eingeübten und ausdrucksfähigen Zugang zu den Quellen der Gottesbegegnung, gleich ob sie sich aus christlichen, aus anderen religiösen oder aus humanen Quellen speist. Sie findet ihre klassische christliche Form in Gottesdienst und Sakramenten, in Gebet und Meditation, in Stunden oder Tagen der Besinnung sowie in der Lektüre der Schrift und spiritueller Texte. Es ist unabdingbar, dass die Liturgie in diesen Erfahrungsraum eingebettet ist.

      [3] Christliche Interpretation:
      Der Begriff „Theologie“ wird hier vermieden, denn in der Tradition des Westens hat ihre Dominanz zu einer Intellektualisierung des Glaubens, zu einer Konzentration auf definierbare Inhalte geführt. Gleichwohl müssen wir täglich versuchen, unseren Glauben zu verstehen und verständlich zu machen. Nur kann seine Verwilderung vermieden werden. Wichtigster Maßstab dieses Verstehens und Deutens sind noch immer die kanonischen Schriften (jüdische Bibel, christliches Testament, insbesondere die jesuanische Erinnerung).

      [4] Partizipative Organisation:
      Dass sich Gemeinden organisieren, also eine Struktur geben, ist selbstverständlich. Sonst wären sie weder handlungsfähig noch dauerhaft. Wie sie sich aber organisieren, ist eine hochsensible Frage, denn wir stehen an der Wende von einem feudal-autoritären zu einem demokratisch-partizipativen Paradigma der Gemeindeorganisation. Allerdings haben die Anfänge christlicher Gemeindestrukturen eine starke partizipative Prägung. Das heißt in unserer Sprache: Alle Organisationen und Ämter (Wahl, Entscheidungsbildung und Entscheidungsfindung) müssen vom Charakter der Transparenz der Mitbestimmung und der Einspruchsmöglichkeit geprägt sein. Demokratische Strukturen widersprechen dem christlichen Geist nicht, denn alle ernsthaften Demokratien der Welt werden von Werten getragen und von internen Institutionen (etwa Verfassungsgerichten) kontrolliert. Dass die Legitimität einer Entscheidung am Geist der christlichen Botschaft zu messen ist, ist unbestritten.
      Wir beanspruchen das Recht, bei Wahl, Berufungen und offiziellen Beauftragungen von Amts- und Funktionsträgern  in Gemeinden und Bistümern mit zu entscheiden. Damit brechen wir keine kirchliche Tradition, sondern setzen ältere verletzte Traditionen wieder in ihre Rechte ein.
      Jede Gemeinde hat das Recht, u.U. sogar die Pflicht, die eigenen Erfahrungen in Glauben, Glaubenspraxis und Gemeindeleben offen zu besprechen.

      [5] Christliche und religiöse Ökumene:
      Aus schon besprochenen Gründen hat keine christliche Gemeinde das Recht, gegenüber anderen Konfessionen oder Religionen Grenzen aufzurichten, weil wir in einer hoch vernetzten Welt alle auf der Suche nach Wahrheit und in Kommunikation miteinander sind.

      [6] Verantwortung für die Welt:
      Zwar waren die Kirchen schon immer mit der Welt zutiefst verbunden, geradezu ein Teil dieser Welt. Das aber hat sie umso mehr ignoriert, als sie mit der staatlichen Macht wie selbstverständlich kooperierte. Die Entdeckung einer politischen Weltverantwortung gehört zu den tiefgreifendsten Erneuerung der letzten 50 Jahre (Befreiungstheologien, Schwarze Theologien, Feministische Theologien/ Gendertheologie, Kontextuelle Theologien, Theologien der Inkulturation). Die vitale und überzeugende Zukunft christlicher Gemeinden hängt von der Verantwortung ab, die sie für die Zukunft einer in Gerechtigkeit versöhnten Menschheit übernimmt. Diese Verantwortung aber hat ihr Maß in der Option für die Entrechteten, zu der sie sich entschließen kann.
    • Feste Rollen und Ämter in der Gemeinde müssen funktional gestaltet werden. Im Sinne der Charismenlehre von Paulus gelten die Rollen und Ämter, sofern sie dem Wohl der Gemeinde dienen. Ohne religiöse Überhöhung oder amtliche Überregulierung wachsen sie „von unten“ und haben ihre eigene Würde. Wenn sie Anerkennung und Vertrauen genießen wird es nach aller Erfahrung an ihnen nicht mangeln. Erste Aufgabe regionaler und überregionaler Gemeindeleitungen ist es nicht, sie zu kontrollieren, sondern zu koordinieren.
      Im diesem Sinne plädiere ich auch für einen funktional geöffneten Umgang mit dem Begriff der Gemeinde. (Poitiers).
      Zur funktionalen Gestaltung der Charismen und Aufgaben gehört, dass die Gemeinde ein waches und immer bewegliches Auge für neue Entwicklungen hat.
      - Beispiel Poitiers
    • Subsidiarität hat zwei Seiten : die übergeordnete Instanz muss helfen, wenn eine Frage vor Ort nicht mehr geregelt werden kann. Zugleich hat sich diese übergeordnete Instanz zurückzuhalten, wenn die untergeordnete ein Problem lösen kann.
      Intern sind die Gemeinden nach dem Subsidiaritätsprinzip zu gestalten und Anlehnung an die Charismenlehre des Paulus zu gestalten. Das fundamentale Gestaltungsprinzip einer jeden Leitung lautet nicht Monopol, sondern Koordination. Alle innerkirchlichen Monopole sind das Ergebnis späterer Entwicklungen. Den Leitungsämtern stehen der Schutz, die Förderung und die Koordination vorhandener Kompetenzen zu.
      Deshalb  ist eine Gemeinde für die Strukturierung und Gestaltung ihres eigenen Gemeindelebens verantwortlich, soweit sie dazu fähig ist. Jeder Eingriff „von oben“ ist begründungspflichtig.
      Pfarrgemeinderat kann diese Rechte faktisch ausüben. Die grundlegenden Aufgaben einer Gemeinde sollten durch Ausschüsse, Arbeitskreise oder Beauftragte repräsentiert sein.
  6. Abgesehen vom Ausschluss von Frauen und Verheirateten verdient die dreigliedrige Leitungsstruktur der katholischen Kirchen (Diakon, Priester, Bischof) hohen Respekt. Aus Gründen des innerkirchlichen und des ökumenischen Friedens sollte diese Grundstruktur erhalten bleiben. Doch ist auch sie an der Frage zu bemessen, ob und in welchem Umfang sie dem Wohl der Gemeinden/Kirchen dient und die kirchliche Einheit erhält. Sie verliert in dem Maße ihre christliche Legitimität, als sie die Existenz, ein christliches Handeln und die versöhnte Einheit von Gemeinden und Kirche behindert. Sobald der Dienstcharakter solcher Ämter, etwa des Priesteramts, zu einem unchristlichen Herrschaftsanspruch pervertiert wird oder sobald sie Existenz und Handlungsfähigkeit von Gemeinden behindern, können und müssen Gemeinden bzw. Kirchen aus der eigenen ursprünglichen Vollmacht, d.h. ohne Mitwirkung der klassischen Ämter handeln.
  7. Angesichts des Neuen Testaments und der frühen Tradition kommen der Existenz und der Aufrechterhaltung eines christlichen Gemeindelebens ein prinzipieller Vorrang vor priesterlichen Vollmachten und Privilegien zu. Daran ist in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche zu erinnern. Eine Gemeinde darf nicht wegen Priestermangels aufgelöst werden und ein priesterloser Gottesdient ist kein Gottesdienst zweiter Klasse.
  8. Deshalb müssen Gemeinden heute wissen: Sie können notfalls in eigener Vollmacht, d.h. auch ohne priesterliche Mitwirkung, Gebetsgottesdienste und Eucharistie feiern, Kinder und Erwachsene taufen sowie andere Dienste versehen, die zum christlich inspirierten Alltagsleben einer Gemeinde gehören.
    Sinnvollerweise werden solche Ereignisse und Handlungen von einer Person oder von Personen geleitet, die das Vertrauen der gesamten Gemeinde genießen. In der Regel liegen die Leitung solcher Ereignisse und die Leitung der Gemeinde in einer Hand.
  9. Dennoch bleibt es sinnvoll und wünschenswert, dass die Vorsteherinnen oder Vorsteher einer christlichen Gemeinde von einem übergeordneten Amtsträger (Bischöfin oder Bischof) offiziell eingesetzt, also ordiniert werden. Dieser übergeordnete Amtsträger muss die Einheit vieler kirchlicher Gemeinschaften, Gemeinden bzw. seiner Kirche repräsentieren.
    Gegebenenfalls sollte eine Gemeinde dem zuständigen Bischof qualifizierte und sorgfältig ausgewählte Kandidatinnen zur Ordination vorschlagen. Wenn sich der Bischof jedoch ohne eine theologische legitime Begründung weigert, wenigstens eine der vorgeschlagenen und offenkundig qualifizierten Personen zu ordinieren, steht es der Gemeinde zu, eine/n der vorgeschlagenen Kandidatinnen mit dem vollgültigen Dienst der Gemeindeleitung und/oder des Vorsitzes bei der Eucharistie zu beauftragen. Die Verantwortung für diesen Verstoß gegen allgemein gültige Regeln liegt dann nicht bei der Gemeinde, sondern beim zuständigen Bischof. Das Geschlecht oder die Ehelosigkeit einer Person sind keine legitimen Ausschlussgründe vom Amt der Gemeindeleitung.

Hermann Häring, März 2014