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Globalisierung Franz Hinkelammert: Der Schrei des Subjekts

Vom Welttheater des Johannesevangeliums zu den Hundejahren der Globalisierung. Mit einem Nachwort von Pablo Richard. Edition Exodus: Luzern 2001. 411 S.

Die mich bislang am meisten bewegende und überzeugende theologische Deutung der Globalisierung stellt Franz Hinkelammerts „Schrei des Subjekts“ dar, dessen Untertitel („Vom Welttheater des Johannesevangeliums zu den Hundejahren der Globalisierung“) die beiden Perspektiven andeutet, aus denen der Wirtschaftswissenschaftler und Befreiungstheologe das derzeit ideologisch umstrittenste Thema behandelt.
Franz Hinkelammert, 1931 in Emsdetten geboren, lebt seit 1963 in Lateinamerika und lehrt Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Tegucigalpa (Honduras) und Heredia (Costa Rica). Er ist Mitarbeiter des ökumenischen Forschungszentrums DEI in San José, Costa Rica, und Autor verschiedener Bücher, die hierzulande viel Aufsehen erregt haben, darunter „Die ideologischen Waffen des Todes“ (1985) „Der Glaube Abrahams und der Ödipus des Westens“ (1989) und „Kritik der utopischen Vernunft“ (1994).

Die Kritik des Kapitalismus als Religion, als Metaphysik (so der Untertitel von „Die ideologischen Waffen des Todes“) durchzieht wie ein roter Faden das Werk Franz Hinkelammerts, der als einer der einflussreichsten Befreiungstheologen gilt. In „Der Glaube Abrahams und der Ödipus des Westens“ klingt bereits das Thema seines neuen Werkes an: Die Spannung zwischen dem Gesetz und dem Wert des Lebens.
Hinkelammert deutet die Abraham-Figur gegen den mainstream der klassischen Interpretation – gerade nicht als Prototyp des (Glaubens-)Gehorsams. Die Stimme des Engels, der Abraham im letzten Moment in den Arm fällt und ihn davor bewahrt, seinen Sohn Isaak zu töten (zu „opfern“), wird nicht als Stimme Gottes gedeutet, sondern als die des eigenen Gewissens, die dem Vater gebot, selbst „gegen den Willen Gottes“ sich für das Leben seines Kindes zu entscheiden.

Die herkömmliche Deutung als „Gehorsam des Abraham“ sei derart durch die Erlebens- und Bewusstseinsform des „Ödipus“ beeinflusst, die das griechische und abendländische Denken so geprägt und den (ödipalen) Gehorsam in einer Weise „konditioniert“ habe, dass er sogar das Tötungs-Tabu überwand – bis zu den Henkern von Auschwitz!

Das Leben als wichtigster Wert: das ist auch der Grundgedanke in „Der Schrei des Subjekts“, einer Kritik der Globalisierung, deren theologische Wurzeln Hinkelammert in den Schlüsselbegriffen des Johannesevangeliums aufspürt.

Nach seiner Interpretation erscheint das „tödliche Gesetz“ (das Gesetz, das tötet), als eines der zentralen Motive des „Welttheaters“ des Johannesevangeliums. Es steht gleichsam als Synonym für „die Welt“ (im Sinne johanneischer und paulinischer Theologie, wonach die Glaubenden zwar „in der Welt“, aber „nicht von der Welt“ sind). Der Gehorsam gegenüber dem „Gesetz“ ist nach Hinkelammert die Sünde (im Unterschied zu den Sünden). Dieser Unterschied wird eingangs anhand der Geschichte von der Ehebrecherin anschaulich erläutert: diejenigen, die die Frau – aus Gesetzestreue, also „legal“ - steinigen wollen, begehen die Sünde, während die Frau allenfalls eine Sünde (Ehebruch) begangen hat, auf die sich die Aussage Jesu am Ende der Geschichte bezieht: „Sündige nicht mehr!“. Die Kritik Jesu (später des Paulus, bis heute von Christen wie Franz Hinkelammert u.a.) richtet sich nicht gegen das Gesetz als solches, dieses hat – zur Regelung des Miteinanders der Menschen – durchaus seinen Sinn. Dieser endet jedoch dort, wo es sich gegen den Menschen und gegen das Leben richtet: „Der Sabbat ist um des Menschen willen da“.

Die Praxis Jesu, die von dieser Maxime geprägt war, führte insofern nicht nur folgerichtig zu seiner Hinrichtung – sein Tod war vielmehr die letzte Konsequenz der „tödlichen“ Logik des Gesetzes! Der Tod Jesu offenbart die ganze („teuflische“) Eigendynamik des Gesetzes, die das „Welttheater“ prägt. Bis heute!

Genau in diesem Sinn funktioniert nämlich, so Hinkelammert, die Logik („das Gesetz“) des Kapitals: seiner immanenten Plausibilitäten (des „Wertgesetzes“) entsprechend ist es vollkommen legal und selbstverständlich, dass es „Zinsen kostet“, „koste es, was es wolle“. Entsprechend dieser Deutung steht „Wertgesetz“ synonym für das Gesetz des Geldes und des Marktes. Jesus nimmt in den synoptischen Evangelien dem Wertgesetz gegenüber – so Hinkelammert (S.37) die gleiche Position ein wie gegenüber dem Sabbatgebot, und zwar „ins-besondere unter dem Gesichtspunkt der Schulden und der Schuldenzahlung. Schulden zahlen zu müssen, das ist Gesetz. Es ist ein Gesetz, dass sich direkt aus dem Wertgesetz ableitet …. Wo das Wertgesetz herrscht, da taucht auch der Kredit auf und mit diesem die Unvermeidlichkeit der Zahlung von Schulden“ (ebd.)

Heißt (noch) heute: Die Eigengesetzlichkeit des Kapitals ist, obwohl legal, so dennoch tödlich. Ob täglich Tausende von Menschen an Hunger sterben (u.a. weil viele Regierungen armer Länder inzwischen mehr für die Tilgung ihrer Auslandsschulden aufbringen müssen als sie für die Ernährung ihrer Einwohner aufwenden können) – das ist nach den („legalen“!) Gesetzen des Kapitals „nicht die Frage“!

Im Unterschied zu den Synoptikern geht es Jesus nach dem Johannesevangelium – so der Autor jedoch noch um eine andere Bedeutung des Geldes und des Wertgesetzes, und zwar ausgehend von der Beobachtung, dass das Johannesevangelium Jesu Kritik der Schuldenzahlung überhaupt nicht erwähnt. Jesus attackiert hier vielmehr das Geld und das Wertgesetz aus einem anderen Grund: Geld und Warenbeziehungen sind an die Stelle Gottes getreten, zu Götzen geworden. Darin besteht, so Hinkelammert, der tiefere und eigentliche Sinn der Tempelaustreibung!

Die Logik des Kapitals als „Gesetz“ „der Welt“ – das andauernde Welttheater!
In seinem wichtigen Nachwort erörtert Pablo Richard, ein anderer wichtiger Befreiungstheologe, die Gründe dafür, warum Hinkelammerts Buch solch heftige semantische Irritationen auslöst: das liege an der Umkehrung der „Macht“-Verhältnisse im historischen Prozess von den frühen Christengemeinden zum mächtigen Christentum. Dadurch seien die zentralen Begriffe „Welt“, „Gesetz“, „Sünde“ gleichsam ins Gegenteil ihrer ursprünglichen Bedeutung verkehrt worden. Erst die Theologie der Befreiung („aus der Perspektive der Armen“) stiftet ein entsprechendes Um-Denken an.

Hermann Steinkamp

Mit großer Beunruhigung stellen wir fest, dass unser Glaube vielfach zu einer bürgerlichen Religion geworden ist, die zu sehr eingefügt ist „in die Systeme und Interessen unseres gesellschaftlichen Lebens in einer schleichenden Anpassung an die herrschenden gesellschaftlichen Erwartungen” (s. „Unsere Hoffnung” III, 1).
Und darum werden die Herausforderungen unserer Welt nicht ernst genommen: der Unsinn des Wettrüstens, die immer weiter auseinanderklaffende Schere von Arm und Reich im Nord-Süd-Konflikt, die Fragen von Kapitalismus und Sozialismus als Modelle von menschlicher Zukunft, die Wachstumsideologie, die die Ressourcen der Erde verbraucht, die Probleme von Atomenergie und Ökologie. Insbesondere die Kontakte mit der Kirche der Dritten Welt machen uns die Problemverdrängung in unserer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung deutlich. Auch der Freckenhorster Kreis hat sich bisher zu wenig mit diesen Fragen beschäftigt und sich zu sehr auf die innerkirchliche Problematik beschränkt. Hier geht es aber nicht nur um (Über-)Lebensfragen unserer Welt, sondern auch darum, ob die Kirche etwas beizutragen hat zur Bewältigung der Menschheitsprobleme, ob unsere Moraltheologie und christliche Gesellschaftslehre sich als hilfreich erweisen dort, wo sich die Fragen der Zukunft entscheiden. Deswegen wird der Freckenhorster Kreis sich verstärkt auch um diese Fragen bemühen.