StartseiteKontaktImpressum
Brasilien-Projekte

Casa das Meninas

Katharina Müller kommt aus unserer Gemeinde und hat vom 28. August 2001 bis zum 20. Februar 2002 in der Gemeinschaft der Kleinen Propheten (CPP), dem Projekt von Demetrius, als Praktikantin vor allem im Mädchenhaus (Casa das Meninas) gearbeitet. Für das Pfarrblättken (Gemeindebrief in St. Sebastian, Nienberge) hat Katharina einen Bericht über den Alltag im Mädchenhaus und über das Leben der Mädchen und jungen Frauen geschrieben. ( Hintergrund-informationen kursiv)

Rua Imperial 185, Sao José, Recife, Pernambuco, Brasil: An dieser Adresse steht ein Haus zwischen vielen, das sich aber trotzdem abhebt. Denn auf rosafarbenem Untergrund sieht man ein fröhliches Mädchen aus Grafitti mit einer Gießkanne. Darüber steht: C.P.P. Casa das Meninas

Bild vor dem Mädchenhaus Casa das MeninasIn diesem Haus gibt es keine festen Bewohnerinnen, keine fest gefügte Familie, keine feste Gemeinschaft, aber auch niemanden, der vor der Tür stehen bleibt. In diesem Haus finden die Mädchen von den Straßen Recifes ein offenes Ohr, zwei warme Mahlzeiten, Duschen und Toiletten, Waschzuber und Deodorant, Seife und Haarcreme und ... einige Stunden für sich. Einige Stunden in Sicherheit vor Polizisten, den Bürgern Recifes, ihren Bekannten von der Straße, davor, immer jemand am Rande der Gesellschaft zu sein – und genauso behandelt zu werden.

Hier in der 500 Jahre alten Innenstadt von Recife, die von Barockkirchen aus portugiesischer und holländischer Zeit nur so strotzt, in der Stadt, die in Reiseführern „Venedig Brasiliens“ genannt wird, schlafen nachts auf der Straße dieselben Mädchen, die sich tagsüber im Mädchenhaus benehmen wie ihre deutschen Altersgenossinnen, die genauso über Liebeskummer jammern wie über Regelschmerzen, die genauso ihre besten Feindinnen um deren neuen Rock beneiden, die genauso auf ihre schlanke Linie achten und genauso stolz und begeistert von den Partys der letzten Nacht erzählen. Auch aus Angst schlafen einige nachts in großen Gruppen zusammen.

Carlos aus dem Jungenhaus schläft lieber allein. Er sagt: "Wenn jemand kommt, einen zu erschießen, erschießt er alle. Schlafe ich allein, und einer will mich erschießen, erschießt er nur mich."

Die Mädchen kommen also morgens um 8 Uhr in der Rua Imperial an, gezeichnet von der Nacht: Mit Angst schläft sich schlecht, noch schlechter als sowieso schon auf Steinboden. Die Klebstoff-Fahne ist bei jeder einzelnen aus den Tiefen der Lunge zu riechen, die Haare wild und dreckig, ausgehungert, mit Kater oder manchmal sogar noch betrunken, werden sie von Yolanda ins Haus gelassen.

Das Haus ist ein Haus nur für Mädchen, weil sie es sind, die am meisten auf der Straße leiden. Wegen sexuellen Missbrauchs - durch die Polizei oder "Freunde" - sind die Mädchen froh, dass sie einen Ort ohne Männer ganz für sich haben. Auch wenn jeder Männerbesuch wie ein Naturereignis sie in Begeisterung versetzt.(Vor allem, wenn Demetrius an die Tür klopft.) Die einzigen geduldeten Männer im Haus sind Lucas ( der Sohn von Lucrécia, 1 Jahr alt), André (6 Jahre) und Cleiton (der blinde Sohn der blinden 15-jährigen Flavia, die schon im Februar ihr zweites Kind, eine Tochter, bekam).

Die Leiterin des Mädchenhauses Yolanda kontrolliert jede einzelne Plastiktüte, bevor sie die Mädchen durchgehen lässt zum Duschen, Waschen und Zähneputzen, Wasser trinken und zum Ausruhen auf den Stühlen um den großen Tisch. Die Mädchen verstecken ihren Klebstoff vorher unter losen Gehwegplatten auf dem nahe gelegenen Platz oder in dem Park; natürlich darf der nicht mit ins Haus. Auch wer vor dem Haus schnüffelt, bekommt Hausverbot für einen Tag.

Messer und ähnliches müssen die Mädchen abgeben; Geld, das sie erbettelt, erstohlen oder durch Prostitution verdient haben, und andere Wertgegenstände geben sie freiwillig bei Yolanda zur Aufbewahrung, damit es nicht von den anderen Mädchen geklaut wird.

Tati verdient bis zu 60 Reais ( 30 Euro) in einer Nacht. Sie hat einen festen Geldgeber, er heißt zur Zeit Sidney und sagt, er wäre Arzt aus Spanien. Tati ist am 7. November 1988 geboren, das heißt, sie ist 13 Jahre alt und unglaublich unverschämt und listig, aber dabei auch so eine liebe Person, die man irgendwie mögen muss. Sie ist groß und dünn und weiß nicht so recht, wohin mit ihren langen Armen und Beinen. Sie lebt für den Augenblick, genau wie die anderen Mädchen: Am ganzen Körper haben sie Tätowierungen aller Arten und Formen: einen Kolibri am Bein, ein Spinnennetz im Nacken, Bärentatzen am Hals, Liebesschwüre auf den Armen, z.B. Lucrècia e Nico se amam (lieben sich), aber Nico ist schon tot.

Da persönliche Hygiene im Mädchenhaus zu den Spielregeln gehört, fangen die Mädchen mehr oder weniger begeistert an, sich zu den zwei Duschen zu bewegen, die Kleidung zu wechseln, Zähne zu putzen, dreckige Wäsche zu waschen. Der Rest sitzt um die großen Tische mit der Sonnenblumentischdecke auf den hellblauen Stühlen. Recifes Nationalspiel Domino wird ausgepackt und das Spiel der anderen verfolgt.

Schrecklich war, als Monica und Dai ihre drei Freunde in dem „Policia“–Teil der „Folha de Pernambuco“, einer eher einfach gehaltenen Tageszeitung sahen. Die „Policia“ veröffentlicht Fotos von Mordopfern als Sensationspresse. Mônica hat geweint und geweint um ihren besten Freund. Er war mit zwei anderen Freunden an einem Weg in Groß-Recife erschossen worden. Die Leichen hatten die Mörder einfach am Straßenrand liegen lassen. Wie plötzlich das Leben enden kann, hat alle an diesem Tag betroffen gemacht. Lange im Voraus planen die Mädchen nicht. „Wenn ich dann noch lebe“, sagt Sheila gerne halb im Spaß und halb im Ernst, wenn man sie auf irgendwas festnageln will oder nur fragt, ob sie am nächsten Tag wiederkommt.

Wenn endlich alle fertig sind, auch die letzte vom Spiegel weggezerrt ist und alle Mädchen um den Tisch versammelt das „Pai nosso“ (Vater unser) beten, dann ist die große Stunde von Ana, der Köchin: Cuscuz, eine Maismehlspeise, oder Papa, ein sehr süßer Pudding, wird aufgetragen. Natürlich sind das beides nicht Speisen, die der Präsident frühstücken würde, aber besonders im Nordosten Brasiliens ist Cuscuz sehr verbreitet und billig.

Wenn nach dem Frühstück die Hausarbeiten verteilt sind, die den Mädchen das Gefühl geben, dass sie für das Gelingen im Haus mit verantwortlich sind, beginnen die Tagesaktivitäten: Tanzen mit Elizabeth, der Studentin aus Olinda, Malen, Basteln, Sticken und Lernen mit Neide, der (Kunst-)Erzieherin. Die Mädchen müssen bei den Aktivitäten mitmachen, um im Punktesystem mithalten zu können: 3 Punkte gibt es für Hygiene, 3 für Benehmen und 3 für die Mitarbeit bei den Aktivitäten. Wer am Ende der Woche die meisten Punkte sammeln konnte – dies setzt regelmäßigen Besuch des Hauses voraus – gewinnt ein kleines Geschenk. Weil es sich aber bei den Mädchen um übermüdete, drogenabhängige, nikotinabhängige, unkonzentrierte Mädchen handelt, ist es schon ein Erfolg, wenn ein Mädchen ein angefangenes Bild zu Ende malt, wenn sie bis zum Ende dabei bleiben, wenn sie addieren und subtrahieren, was das Zeug hält ( das ist aber wirklich toll!!).

Lucrècia ist ganz verrückt nach Rechenaufgaben. Schreiben kann sie nur ganz ungelenk. Für ihren Sohn Lucas (geboren am 5. Februar 2001), der bei ihr lebt, wünscht sie sich, dass er etwas Richtiges wird: Arzt, Anwalt oder Polizeidelegierter. „Um mich dann zu verteidigen“, lacht sie. Selber hat sie die Schule nach der 4. Klasse abgebrochen, weil ihr der Sinn mehr nach Flirten und Spaß stand. Irgendwo bereut sie das jetzt schon. Aber Lucas wird das alles besser machen, der fängt gar nicht erst mit Drogen oder so was an, das lässt sie nicht zu. „Das hängt ja von der Mutter ab“, sagt sie. Da sie zugibt, selber seit dem 10. Lebensjahr Klebstoff zu schnüffeln, nimmt sie sich vor, „ wenn Lucas größer ist, dann schnüffele ich einfach nicht mehr so, dass er das sieht!“ (Am 9. März ist ihr sechstes Kind auf die Welt gekommen, der sechste Junge. Sie selber feiert am 25. November Geburtstag, letztes Jahr war es der 18.)

Yolanda gibt den Mädchen einige Zeit zum Entspannen, zum Schlafen ohne Angst, zum Fernsehgucken. Bei Gesprächen, beim Haare Flechten, Fingernägel Lackieren, Kleidung Zusammenlegen und stolz Präsentieren, über Jungs Reden usw. geht der Vormittag sehr schnell zu Ende, so dass Yolanda bald zum Fertigmachen ruft.

Da ist nun eine der größten Streitereien des Tages zu erwarten: Es fehlen fast täglich Kleidungsstücke von den Wäscheleinen, die Mädchen wollen nicht aufstehen, nicht duschen. Wenn jedes Haar perfekt sitzt, das Abendoutfit gewählt ist und sich der Streit um das geklaute Top immer noch nicht gelegt hat, gelingt es vielleicht, alle Mädchen um den Tisch zu versammeln, die Situation zu klären, nach dem gemeinsamen Gebet Bohnen und Reis aufzutischen.

Zu Geburtstagen, zu Weihnachten, zum Jahresende und zu anderen Festen, wie sie im Nordosten gerne gefeiert werden, backen alle zusammen Kuchen, Käsegebäck, kleine Pralinchen. Zu Weihnachten gab es einen Truthahn, auch Lasagne und andere Köstlichkeiten gab es an speziellen Tagen. Die meisten der Mädchen wissen ihren Geburtstag aber gar nicht, da sie überhaupt keine Dokumente von sich besitzen. Und um an diese Dokumente – entsprechen dem Personalausweis – zu kommen, müssen sie die Ausweise der Mutter vorlegen, die in den meisten Fällen selber keine hat. Ein Kind, das nicht staatlich gemeldet ist, hat keinen Anspruch auf eine staatliche Schulbildung. So legen die Mädchen ungewollt bei ihren Kindern schon den Grundstein für den gleichen Lebenslauf wie den ihrigen.

Nach dem Essen, Haus Aufräumen und Plastiktüte Packen gehen sie alle wieder hinaus in die glühende Nachmittagshitze in Recife, das auf dem 8. Grad am äquator liegt und wo die Sonne senkrecht am Himmel steht. Sie stecken sich gleichzeitig in Hektik die erste Zigarette nach 6 Stunden an, gehen in Richtung Praca de Sao Lorretto oder Forte do Cinquo Pontas, holen sich ihre kleinen Plastikflaschen mit der ätzenden zähflüssigen braunen Droge aus den Verstecken sofort wieder an den Mund, streifen durch die Straßen der Stadt, treffen Bekannte und Freunde, fühlen sich als die freiesten Menschen der Welt und legen sich in den frühen Morgenstunden irgendwo schlafen.

Bild von einigen Mädchen aus dem Medchenhaus Casa das MeninasDie Mädchen aus dem Mädchenhaus, sie heißen: Shirley, Andreia, Tati, Mônica, Dai, Vanessa, Janaina, Cintia, Cecinha, Edilene, Martilene, Maria da Fatima, Maria do Carmo, Laura, André, Susanna, Aninha, Flavia, Ana Cristina, Ninha, Stefani, Neide, Pichilinga, Rita, Wanessa, Natalia, Prazeres, Sheila, Joyce, Ana Paula, Grace Kelly, Karina ... (ihre Namen zu nennen bedeutet, ihnen Ansehen zu geben).

Katharina Müller